Laudatio für Jürgen Krause anläßlich des Rolf Seisser-Kunstpreises am 18.11.2010 in Frankfurt am Main

Die tägliche Arbeit von Jürgen Krause besteht beispielsweise darin, mit einem Skalpell kreisrunde Flächen aus einem Papierbogen zu schneiden. Sie haben den Durchmesser eines halben Zentimeters. Die Bögen können verschiedene Größen haben. Die ausgeschnittenen Kreisflächen sind derart eng gesetzt, von Linie zu Linie jeweils um ein halbes Kreisrund versetzt, dass sie wie ein Wabenmuster aussehen.

Oder er schärft Klingen von Bildhauerwerkzeugen, schleift sie in einem fort, bis nur noch ein Bruchteil der Klinge übrig bleibt. Oder er grundiert eine dünne Holzplatte beidseitig, über viele Monate bis ein schwerer Stein entsteht, der durch die Pinselführung bedingt, an allen vier Rändern ausfranst. Lassen wir es mal bei diesen drei Beispielen, und fragen uns: was soll dieses Tun? Die Arbeit beruht auf identischen Wiederholungen. Exakt gesprochen, müsste von quasi-identischen Wiederholungen die Rede sein, denn die ausgeschnittenen Kreisflächen sind eben nicht gestanzt, auch wenn sie in ihrer Präzision genauso aussehen.

Dem gesamten Schaffen von Jürgen Krause liegt die Wiederholung zugrunde. Eine Formentwicklung wird nicht angestrebt. Die sich wiederholenden Gesten sind wie Mantras, ritualistisch geprägt. Es sind Einkerbungen in Zeit und Raum des eigenen physisch mentalen Körpers. Ein- und Ausatmen sind im Werk verkörperte osmotische Kräfte.

Die Kontinuität der Wiederholung hat zwei Richtungen: Die eine ist flächendeckend, dehnt sich aus, ist visuell nachvollziehbar. Die andere konstituiert sich durch eine stetig wachsende bzw. abnehmende Dimension. Es handelt sich um eine Dimension, die den Werdegang gewissermaßen verschlüsselt, das heißt, es braucht die Kenntnis der Ausgangssituation. So im Fall der Grundierarbeit, so im Fall der steten Schärfung der Bilhauerwerkzeuge. In beiden Fällen lässt der Endzustand nicht ohne weiteres auf den Beginn schließen.

Das Werk von Jürgen Krause besteht aus einer Entleerung von Bedeutung: Entleerte Ausdehnung, entleerte Zeitschichten. Im Prozess der Entleerung von Bedeutung entsteht ein Zustand, eine Art kumulativer Anreicherung, oder psychologisch formuliert, ein seelisches Gleichgewicht. Keine Entropie bzw. Wärmetod! Keine Erstarrung in der repetetiven Struktur, sondern ein spürbares Vibrieren sich revitalisierender Energien in jedem Moment des Tuns.

Die visuell verankerte, philosophische Grundhaltung offenbart uns, wie im Ritual der Wiederholung sich die Entleerung von Bedeutung umstülpt, sich auflädt, dahingehend, dass das Ende eines Prozesses den Anfang stets, zu jeder Zeit und in jedem Moment beinhaltet.

Die Schwerkraft der Ausdehnung, ob horizontaler oder vertikaler Natur, entgrenzt und verdichtet sich gleichzeitig.

Eine Art Hintergrundstrahlung entsteht, die das kosmische Muster der Kreativität in harmonisierenden, nicht aber neutralisierenden Gegensätzen verinnerlicht.

So werden die ausgeschnittenen Kreisflächen gesammelt und bei einer bestimmten Gelegenheit wie Konfettis mit einem Helau verstreut. Der strikten Ordnung antwortet ein expansives Unordnungselement.

Jetzt haben wir die drei Grundtendenzen des Universums angesprochen: Ordnung, Unordnung und Expansion.

Die spiegelglatten, weißen Grundierschichten, die über viele Monate beidseitig der dünnen Holzplatte, einem Film ähnlich aufgelegt werden, erodieren an den Rändern, als wären es steile von der Brandung zerklüftete Klippen. Sie sind die Folgen eines malerischen Vorgangs, gesteuert durch Zufall und Gesetzmäßigkeit.

Die Grundierung steht nicht stellvertretend für das nicht gemalte Bild/ für die nicht gemalten Bilder. Die Grundierungsblöcke bilden eine Sedimentierung, eine Kompaktifizierung aller Bilder dieser Welt, die eigenen eingeschlossen. (So könnte man es, jenseits einer Behauptung sagen.) In der Entleerung von Bedeutung ergibt sich eine atemberaubende Schwerkraft, bewirkt durch hauchdünne Farbschichten, aufgetragen in einem immensen Zeitraum.

Die Schwerkraft implodiert nicht, sie ist in sich ruhende, strahlende Verdichtung.

Das Schärfen der Bildhauerwerkzeuge dient nicht der Bildhauerei, das Schärfen gleicht einem Liebesakt. Jemand muss ja den Stein bis zum Gipfel hoch schleppen, immer wieder, denn oben angekommen entgleitet er, stürzt donnernd in die Tiefe, und die Schlepperei beginnt von neuem. Das ist das Schicksal des Menschen und das des Künstlers im Besonderen. Das Gestalten ist dem Menschen in die Wiege gelegt. Wer nicht gestaltend sich projiziert, regridiert. Das trifft auch für die Tier- und Pflanzenwelt zu.

Wenn ich von der Entleerung von Bedeutung gesprochen habe, muss ich an den Prediger Salomo (Koholet) denken. Da steht im Abschnitt "Alles hat seine Zeit" der Satz: "Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und das was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist."

Wir wollen jetzt nicht über Gott reden, aber über etwas Fundamentales, das das Werk von Jürgen Krause kennzeichnet, nämlich: Das was ist, war schon immer da, und das was sein wird, ist auch schon längst gewesen. Um diese Sicht von Welt geht es. Das Außergewöhnliche ist, wie es Jürgen Krause gelingt als Künstler mit Mitteln der Kunst Leerstellen mit einer Intensität aufzufüllen, die aus jeder Arbeit eine Ikone macht, oder eben als Spitze des Eisbergs zu betrachten ist.

Jean-Christophe Ammann